Die vergessene Dankbarkeit

Viele Menschen sind sich dessen bewusst, dankbar zu sein, weil sie zum Beispiel gesund sind, weil sie heute Morgen mehr oder weniger beschwerdefrei aus dem Bett aufstehen konnten oder weil sie in den meisten westlichen Nationen und Gesellschaften zu den privilegiertesten Menschen der Welt gehören. Da sagen sie zumindest. In der Wissenschaft sahen Biologen Dankbarkeit als etwas, das motiviert, Hilfeleistungen von anderen Individuen auszugleichen. Zwei Jahrtausende vorher bezeichnete Cicero Dankbarkeit als „die Mutter aller übrigen Tugenden“. Doch wie sieht es in Zeiten der KI und sozialen Netzwerke heutzutage aus? In einer Zeit, in der wir zugeschüttet werden von Informationen, in der jeden Tag jemand in einer Timeline auftaucht und Tipps und Ratschläge (oftmals auf Kosten von anderen Menschen) gibt, wie man sein Leben besser meistern kann. Daher meine Frage: Sind wir heutzutage wirklich noch dankbar?

Nehmen wir als Beispiel einen Instagram-Kanal, der sich mit Mietrecht auseinandersetzt. Ich gebe zu, dass in solchen Kanälen sehr gute Tipps und Tricks zu finden sind, wie man seinen Vermieter ärgern kann, oder, wie die Kanalbetreiber und viele User argumentieren: Sie helfen den Bürgern, ihre Rechte durchzusetzen. Dürfen wir jedoch diese Hilfe einfach so ungefiltert annehmen? Schließlich heißt es bei den ganzen KI-Chats auch, dass man die Antworten der KI kritisch hinterfragen muss. Das heißt nicht, dass diese Tipps-und-Tricks-Kanäle falsche Informationen verbreiten. Ich bestreite nicht, dass dort viele Wahrheiten aus den Gesetzbüchern zu finden sind. Ich kritisiere jedoch, dass User, die diese Informationen ungefiltert übernehmen und bereits das Schreiben für den Vermieter für eine Mietminderung verfassen, vergessen, dass auf der anderen Seite oftmals kein Immobilienhai, keine Vermieterin/kein Vermieter aus wohlhabenden Metropolen wie Hamburg, München, Düsseldorf oder skandalöse Immobilienunternehmen stehen, sondern oft Menschen, die sich durch viel Arbeit ihren Immobilientraum verwirklicht haben und zur Finanzierung der Immobilie auch vermieten – auch wenn es nur eine Wohnung zur Vermietung ist. Ich lehne mich aus dem Fenster und behaupte, dass es die Kanalbetreiber gar nicht interessiert, dass auf der anderen Seite keine an der Kö Champus trinkenden Immobilienbesitzer stehen, sondern meist einfache Menschen. In Deutschland gibt es etwa 5–5,5 Mio. Privatbesitzer von Immobilien. Das macht etwa 60 % der Vermieter aus. Von diesen haben, laut einem großen Immobilienportal, 9–14 % die Immobilie geerbt. Unbestreitbar: Es gibt sehr teure Mieten in Deutschland, wenn man sich Städte wie Berlin, München, Köln, Hamburg, Frankfurt oder beispielsweise Freiburg und Düsseldorf anschaut. Doch nicht alle der über 80 Mio. Menschen in Deutschland leben dort. Es geht mir auch nicht um die Diskussion, ob das Geld der Menschen für die Mieten in Deutschland reicht. Diese Diskussion müsste in einem anderen Beitrag behandelt werden. Vielmehr geht es um Fälle, in denen man zu guten Preisen in guten Lagen wohnt, weil man z. B. einen Altvertrag hat oder die Vermieterin/der Vermieter seit Jahren keine Mieterhöhungen durchgeführt hat. Diese Menschen, welche Motivation sie auch immer hatten, keine hohe Miete zu verlangen oder keine Miete zu erhöhen, haben heute das Nachsehen, indem z. B. eine Mietminderung wegen zu hoher Temperatur für die zu warme Dachgeschosswohnung bei einer Außentemperatur von über 30 Grad durchgesetzt wird – so hat man es bei Instagram gesehen und so haben schließlich auch Gerichte entschieden. Doch was passiert hier? Hier wird vergessen, dass man sich vor 15 Jahren dazu entschieden hat, diese Dachgeschosswohnung zu bewohnen, weil sie eben günstig war und immer noch ist. Auch wurde vergessen, dass der/die nette Vermieter/Vermieterin die Miete seit 15 Jahren nicht erhöht hat, obwohl die Mieten auch in dieser Lage gestiegen sind. Vergessen wurde auch (oder als selbstverständlich gesehen), dass Vermieterin Frau Herrmann (fiktiver Name) uns jeden Tag „Guten Tag“ und „Guten Abend“ gesagt hat, dass sie da war und quasi auf die Wohnung aufgepasst hat, wenn man in den Urlaub gefahren ist. Auch hat sie uns unentgeltlich einen Teil des Gartens zur Verfügung gestellt, was laut Mietvertrag gar nicht Bestandteil des Mietvertrags war. Egal. KI bestätigt Schwarz auf Weiß, dass die Mietminderung rechtens war. Und Frau Herrmann? Sie ist sprachlos und enttäuscht.

Dieses Beispiel zeigt, dass wir die Mutter aller Tugenden verloren haben und wir Verhalten und Leistungen von anderen Menschen nicht mehr würdigen können. Womöglich sind soziale Netzwerke und KI ein Ventil für unser Verhalten, für das wir keine Verantwortung übernehmen wollen; schließlich hat sich die Person aus dem oben genannten Fall vor 15 Jahren bewusst für diese Wohnung entschieden und schon vor 10 Jahren hätte es aufgrund des warmen Wetters die Möglichkeit gegeben, die Wohnung zu kündigen. Nach der Mietminderung ist es jetzt gut – nicht perfekt. Die KI bestätigt uns das auch, samt aller Gesetzesauszüge. Sie bestätigt auch, dass wir kein schlechtes Gewissen haben sollen. Frau Herrmann wird es überleben, die Mieterin/der Mieter hat ja 15 Jahre bereits Miete für die Dachgeschosswohnung gezahlt. Alles ist gut.